Bertold Brecht 
Der gute Mensch von Sezuan

„Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“ Um diese Frage baut sich Bertold Brechts Theaterstück Der gute Mensch von Sezuan auf. 1943, also in der Exilzeit Brechts, geschrieben und uraufgeführt ist dieses Theaterstück eines von Brechts bekanntesten und meistgespielten Stücken. Es wird dem epischen Theater zugeordnet was sich vor allem in der Distanz der Zuschauer widerspiegelt. Immer wieder werden wir durch Lieder und Zwischenspiele aus der Handlung herausgehoben, um innezuhalten und einen kritischen Blick auf die Geschichte zu entwickeln. Sowohl das Ende in Form einer direkten Ansprache als Epilog, als auch die Einbettung der Geschichte in das vorrevolutionäre China schaffen Verallgemeinerungen und passen in das Muster des epischen Theater.
 

Drei Götter kommen in die Stadt Sezuan um einen durch und durch guten Menschen zu finden. Nachdem sie von einigen abgewiesen werden, lässt sie die Prostituierte Shen Te bei sich übernachten. Um sich für ihre Gutherzigkeit zu bedanken, überlassen die Götter Shen Te ein Geldgeschenk, mit dem sie sich einen Tabakgeschäft kauft. Schnell spricht sich die Güte der neuen Ladenbesitzerin in der armen Stadt um, was zu regem Andrang von Hilfsbedürftigen in ihrem Tabakgeschäft führt. Die Geschäfte laufen schlecht und bereits nach wenigen Tagen gerät der Engel der Vorstadt, wie Shen Te genannt wird, in finanzielle Schwierigkeiten. Um dem finanziellen Ruin zu entkommen tritt sie verkleidet als ihr Vetter Shui Ta auf. Mit harter Hand werden Schuldner abgespeist und der Laden vorerst gerettet. Anschließend wird Shui Ta eine Tabakfabrik eröffnen, in der die Arbeitslosen schuften müssen. Als sich die Gerüchte über die Abwesenheit Shen Te´s häufen fliegt das Manöver des guten Menschen von Sezuan vor Gericht auf. Ratlos fahren die Götter, die im Prozess als Richter fungieren in den Himmel auf. Der Epilog fordert die Zuschauer daraufhin auf, eine Lösung für das Dilemma zu finden.

Interessant ist, dass wir es bei Shen Te keinesfalls mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun haben, die etwa in ihr wohnen und sich zu bestimmten Zeiten als Gut und in anderen als Böse hervorkehren. Vielmehr setzt Shen Te jeweils unterschiedliche Maßstäbe an den Effekt ihres tugendhaften Handelns an. 
Obwohl der gute Mensch Shen Te am Anfang des Stücks großherzig Essen und Unterkunft mit den Armen teilt, muss sie feststellen, dass ihre Unterstützung nicht etwa Dankbarkeit hervorruft und langfristig Leid mindert. Stattdessen kommen immer mehr Menschen zu ihr, die in ihrer Not Shen Te´s Tabakgeschäft beinahe in den Ruin treiben. Um den Laden zu retten und den Bedürftigen auch weiterhin zu helfen, muss sie als ihr eigener Vetter auftreten. In dieser Rolle greift sie listig auf die ihr zu Verfügung stehenden Mittel zurück. Dennoch behält sie auch in der Rolle des Kapitalisten das Gute im Auge und versucht zumindest die größte Not mittels Reisportionen auf der Straße zu lindern. Der gute Mensch von Sezuan handelt so gesehen in beiden Rollen gut. Zuerst in einer eudämonistischen Art und Weise, also durch Gutherzigkeit und Mitgefühl mit den Bedürftigen. In der Rolle Shui Ta´s entspricht der Anspruch gut zu handeln einer utilitaristischen Logik. In der Tabakfabrik schuftend sichert Shen Te den Arbeitern eine aufgezwungene Existenz, aber immerhin das Überleben. Brechts Werk will uns mit diesem Stück also zeigen, dass echte Gutherzigkeit durch die ökonomischen Rahmenbedingungen des Kapitalismus verunmöglicht wird.

Brecht zeigt in diesem scharfsinnigen Theaterstück die Widersprüche und Grenzen des guten Menschen im Kapitalismus auf. Für alle, die das Lesen von Theaterstücken nicht abschreckt, kann ich der gute Mensch von Sezuan ans Herz legen.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.