
Orhan Pamuk
Die Nächte der Pest
2021, Roman, Fischer Verlag
Die Nächte der Pest, ist der kühne Versuch Orhan Pamuks, in einem einzigen Roman sowohl eine Kriminal- und Liebesgeschichte zu erzählen, als auch eine politische Parabel auf das sich im Zerfall befindende Osmanische Reich zu verfassen.
Pamuk erschafft einen historisch äußerst getreuen Rahmen, in dem die fiktive osmanische Insel Minger steht. Als Leser folgen wir den historisch akkuraten und detailverliebten Ausschweifungen der fiktiven Historikerin Minna Mingerli bei Pestausbruch 1901. Die von der Beulenpest heimgesuchte Insel ist neben den Unruhen aufgrund der Quarantänepolitik zugleich auch Schauplatz eines Mordes, einer Liebesgeschichte und der Ausrufung der Unabhängigkeit Mingers, die in gewisser Weise die Unabhängigkeit der Türkei 1923 vorweg nimmt. Trotz der für Pamuk typischen, schönen Beschreibungen der Landschaften und Stimmungen hat mir der Roman leider nicht so gut gefallen. Woran das liegt, könnt ihr im folgenden lesen.
Der Roman wurde 2021 auf Türkisch veröffentlicht und 2022 auf Deutsch übersetzt. Auch wenn das Datum und das Hauptthema darauf schließen lassen könnte, ist der Bezug zur Coronapandemie nur bedingt vorhanden. Durch die historische Einbettung des Romans Anfang des 20. Jahrunderts im Osmanischen Reich, gelingt es Pamuk neben dem Thema Seuchenbekämpfung drei weitere Themen in der Geschichte zu verankern. Diese sind: eine romantische Liebesgeschichte, ein rätselhafter Mordkomplott sowie die Ausrufung der Unabhängigkeit Mingers, die dem Buch eine politische Dimension verleiht.
Geschickt spielt der Roman dabei mit Andeutungen auf den jungen General Kamil, dessen Laufbahn im Militär sowie seine Loyalitätskonflikte mit der osmanischen Führung parallelen mit Mustafa Kemal Atatürk aufweisen. Da das Andenken an den Staatsgründer Mustafa Kemal in der Türkei gesetzlich geschützt ist, wurde nach der Veröffentlichung ein Gerichtsprozess gegen Pamuk eingeleitet. Der Roman wurde von Kritikern als Diffamierung Attatürks. ausgelegt. Der Prozess verlief jedoch im Sande.
Leider kann ich euch den Roman Die Nächte der Pest nur mit Vorbehalt weiterempfehlen. Trotz schöner Erzählweise und einer durchaus interessanter Versuchsanordnung, empfand ich keine Spannung, die mich durch den Roman hätte ziehen können. So las ich anfangs aus historischem Interesse weiter an dem Buch, legte es jedoch dann nach 450 Seiten doch beiseite. Zu zäh und vorhersehbar entwickelten sich die Handlung weiter. Um dem Roman dennoch positives abzugewinnen, vertiefte ich mich auf die nachträgliche Recherche zur historischen Genauigkeit. In dieser Hinsicht sind die Einblicke Pamuks sehr spannend.
Hier ein kurzer Überblick die Themen meiner Recherche.
Grundsätzlich spielt „Die Nächte der Pest“ in einem historisch akkuraten Rahmen. Die osmanische Verwaltung war in der Hochzeit des Osmanischen Reiches in drei Ebenen gegliedert. Erstens Militär und Exekutive, Zweitens Rechtsgelehrte, Drittens Schreiber und Finanzbeamte. Diese Ordnung zerfällt in Folge der Tanzimatreformen ab 1839 und es bilden sich zwei miteinander konkurierende Verwaltungsstrukturen heraus. Auf der einen Seite die Militärverwaltung, die nicht dem Sultan untersteht. Auf der anderen Seite der Sultan und die ihm weisungsbefugten Provinz-Gouverneure. Die Zeit in der der Roman spielt, die mit der Herrschaft Sultans Abdülhamids II (1876 – 1909) zusammenfällt, ist geprägt von Spannungen innerhalb des osmanischen Systems. Um sich vor Putschversuchen und Machtverlust durch den Beamtenapparat zu schützen, installiert der Sultan ein engmaschiges Spitzelnetzwerk. Diese spezielle Athmosphäre eines zerfallenden Reiches fängt der Roman eindrucksvoll ein.
Eine weitere historische Dimension, die Pamuk plastisch darstellt, sind die ethnischen Konflikte des Mittelmeerraums. Minger wird jeweils zur Hälfte von orthodoxen Griechen und zur Hälfte von Muslimen bewohnt. Detailgetreu spielt jedoch weniger die Sprache, als vielmehr die Religionszugehörigkeit die die Gesellschaft ordnende Kategorie dar. So reagieren viele Muslime mit heftigem Widerstand auf die Quarantänemaßnahmen, die sie als europäische christliche Zumutung auffassen.
Auch die Darstellung des Militärs und insbesondere die Figur des Majors Kamils entspricht der Stellung eines Kommandeurs des späten Osmanischen Reiches. Militärs waren Ende des 19. Jahrhunderts oftmals schlecht bezahlt, in ihrer Laufbahn festgefahren, positivistisch eingestellt, französich lesend und gegenüber der eigenen Obrigkeit kritisch eingestellt. Insofern entspricht die Figur des Major Kamil den historischen jungtürkischen Befehlshabern, die sich 1908 durch eine Meuterei an die Macht putschten und unter denen sich auch der junge Mustafa Kemal befand.
Auch wenn ich den Roman nicht allzu spannend fande, hat er mir doch ein Gefühl für die sultankritische Stimmung innerhalb des Militärs und der osmanischen Elite Anfang des 2o. Jahrhunderts gegeben. So würde ich abschließend das Buch vor allem historisch interessierten Lesern empfehlen, die sich wie ich für die jungtürkische Revolution und die aus dieser hervorgehenden modernen Türkei unter Mustafa Kemal Atatürk begeistern.