
Susanne Gregor
Halbe Leben
2026, Roman, Hanser Verlag
Der Roman Halbe Leben von Susanne Gregor beleuchtet anhand der Portraits dreier Frauen, die familiären Spannungen, die durch die Anstellung der 24-Stunden Pflegekraft Paulína auftreten.
Als Iréne, die Mutter Klara´s aufgrud eines Schlafanfalls nicht mehr für sich selbst sorgen kann, beschließen sie und ihr Mann Jakob eine Pflegerin für sie zu beschäftigen. Paulína, die mit ihren zwei Kindern in Prievidza in der Slowakei lebt, wird den Job übernehmen und dafür im zweiwöchigen Rythmus aus der Slowakei in das Kremstal pendeln. Die Anstellung Paulínas ermöglicht Klara, die beruflich erfolgreich ist und ganz in ihrer Arbeit aufgeht, sich voll und ganz auf den Job zu fokussieren. Ihr Mann Jakob kann so seinem Hobby, dem Fotografieren, nachgehen.
Nicht nur Klara und Jakob sondern auch Ada ihre 10-jährige Tochter mag Paulína, die die Familie durch Zuverlässigkeit und Belastbarkeit auch über die Pflege Irénes hinaus mit Kochen und Einkaufen stark unterstützt. Diesen Einsatz honoriert Klara durch zusätzliche Geldgeschenke. Trotz ordentlichem Gehalt und verbaler Wertschätzung beginnt sich das Verhältnis zwischen Paulina und der Familie, insbesondere Klara, zu distanzieren. Gleichzeitig häufen sich die Probleme ihrer Söhne, die während der regelmäßigen langen Abwesenheiten ihrer Mutter bei der Schwiegermutter leben müssen. Die Probleme in Paulínas Leben werden schließlich existentiell - es scheint keinen Ausweg für sie zu geben. Letztlich verunglückt Klara beim Wandern mit Paulína tödlich. War es ein Unfall oder war Paulína tatsächlich am Absturz ihrer Arbeitgeberin beteiligt? Durch die Spannung dieser Frage, schafft es Susanne Gregor hervorragend die Dynamik der Beziehungen zwischen Klara, Iréne und Paulína nachzuzeichnen.
Im ersten Moment scheint die Anstellung Paulínas als 24-Stunden-Pflegekraft für alle Seiten ein Erfolg zu sein. Iréne ist nach dem Schlaganfall in guten Händen, Klara hat Ressourcen zur Verfügung ihre Karriere weiter voranzutreiben. Und auch Paulína bekommt ein für slowakische Verhältnisse gutes Gehalt inklusive Bargeldzuwendungen, die ihr von der Familie für ihre zusätzliche Arbeit, das Kochen und Putzen, gegeben werden. Doch umso besser wir die Familien kennenlernen, desto deutlicher wird das zerstörerische Potential dieser Konstellation zwischen Klara und Paulína. Der Roman Susanne Gregors übt grundsätzliche Kritik an der Vorstellung, in der bezahlten häuslichen Pflege könne es eine für alle Seiten ausgeglichene Konstellation geben. Die Strapazen und Folgen der Auslagerung von Care-Arbeit werden im Roman "Halbe Leben" plastisch.
Über das besondere Machtverhältnis in der Pflege